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Fragen an das Judentum

Beantwortet von Jessica Ferber, 21, Judaistikstudentin aus Frankfurt

Warum rufen Juden nach der Hochzeit "Massel Tow"?

Massel Tow wird zu vielen Gelegenheiten gesagt: Wenn man Geburtstag hat, wenn man heiratet, wenn man ein Kind bekommen hat, oder wenn man eine Eins geschrieben hat. Massel Tow – Herzlichen Glückwunsch.
 

Was bedeutet die Kapsel am Kopf?

Du meinst diese Kapsel, wo die Dinger runterhängen? Ja, das nennt sich Tefelin. Davon gibt es 2 Stück, die eine für den Arm und die andere für den Kopf. Das kommt von einem Gebet, in dem gesagt wird, dass du die Worte Gottes an deinem Herzen tragen sollst, an deinem Haupt, an deiner Haustür. Das Tefelin wird sich morgens auf den Kopf gesetzt, um die Worte Gottes immer am Haupt zu haben und an sie zu denken. Es wird immer morgens meist beim Beten in der Synagoge getragen.
 

Wofür ist die Kippa?

Also diese Kippa, die die Männer tragen, kommt daher, dass man das Bedürfnis hatte, vor Gott sein Haupt zu bedecken. Das hat was mit Respekt zu tun, den man Gott entgegen bringen soll und deswegen bedecken die Männer ihr Haupt. Ursprünglich war das früher nicht üblich. Das hat sich erst in den letzten paar hundert Jahren entwickelt.
 

Müssen sich Frauen auch bedecken?

Wenn eine Frau verheiratet ist, dann muss sie sich den Kopf bedecken. Es gibt welche, die ihren Kopf nur in der Synagoge bedecken, die tragen dann entweder einen Hut oder ein kleines Tüchlein auf dem Kopf. Eine ganz streng religiöse Frau wird die Haare immer bedecken mit einem Tuch. Ansonsten besagen die Kleidervorschriften für Frauen, dass sie die Schultern bedecken müssen, die Knie und die Ellebogen.
 

Wie sieht die Hölle aus?

So was haben wir nicht, es gibt bei uns nicht so was wie Himmel und Hölle. Man weiß nicht genau, was nach dem Tod passiert. Das ist ganz wichtig! Das Judentum ist eine Religion, in der es wirklich um das hier und jetzt geht. Du sollst dich in deinem Leben bemühen, Gott zu dienen und ein anständiger Mensch zu sein und du sollst nicht darüber nachdenken, was es vielleicht für Konsequenzen für dich hat. Denke nicht: Ich will gut sein, damit ich dann in den Himmel komme oder: Wenn ich schlecht bin, komme ich in die Hölle. Sondern du sollst wirklich darüber nachdenken, was du für dein jetziges Leben machst, und was danach kommt, ist nicht unbedingt klar.
 

Welche Schriften sind für Juden von Bedeutung? Auch Koran und NT?

Wir haben andere Bücher. Wir haben die "Tora" natürlich. Wir haben aber auch noch ganz viele andere Schriften. Das bildet sozusagen unseren Glauben. Der Koran oder das Neue Testament sind für uns nicht verbindlich. Wir lesen oder studieren das nicht oder glauben daran, was dort drin steht.
 

Gibt es wirklich keine Strafe (Hölle)?

Es gibt schon etwas wie eine Strafe. Nur eben nicht so, dass gesagt wird:"Du kommst in die Hölle". Es ist eher so, dass gesagt wird: "Du musst dich an die Gebote Gottes halten, sonst trifft dich der Zorn Gottes". Aber was das genau heißt, also was mit dir passiert, das ist nicht klar. Das wäre ja dann eigentlich auch eher beängstigend, weil du gar nicht weißt, was passiert. Okay, Hölle ist auch keine schöne Vorstellung, aber ich find es ehrlich gesagt noch ein bisschen schlimmer, nicht zu wissen, was mit mir passiert.
 

Gibt es Gebetsregeln?

Es gibt Gebetsordnungen: Unter der Woche wird dreimal am Tag gebetet und am Sabbat (am Ruhetag) wird 4 mal am Tag gebetet. Es gibt sogar Feiertage, da wird 5 mal am Tag gebetet. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass ich dreimal am Tag bete.
 

Gibt es einen Himmel?

Kann es sein, dass ihr damit das Kommen des Messias meint? Es gibt eine Vorstellung davon, was passiert, wenn der Messias kommt. Unserer Meinung nach ist der Messias noch nicht da gewesen und wenn er dann kommt, ist es so, dass die Juden oder allgemein die Toten wieder auferstehen. Wir glauben, dass die Juden, dass dann alle auf der Erde wandeln und es so was wie den Tod nicht mehr gibt und dass es nur Frieden und Liebe und Glück gibt. Das ist eine Vorstellung, die wir haben. Aber was nach einem normalen Tod passiert, ist nicht geklärt.
 

Wie hört sich hebräisch an?

Das Gebet auf Hebräisch: Du sollst Gott mit deiner ganzen Seele, deinem ganzen Vermögen und deinem Herzen lieben.
 

Wann und an wen wurde das Schma Israel gegeben?

Der Inhalt des Gebetes wurde Moses überliefert: Dass es nur einen Gott gibt, dass man ihn lieben soll und dass Gott eifersüchtig ist und keinen anderen Gott neben sich duldet. Das Sch’ma Israel ist das älteste Gebet und enthält diese Aussage.
 

Gibt es nach Moses noch andere Propheten im Judentum?

Es gibt mehrere Propheten im Judentum, nicht nur Moses. Es gibt noch viele Schriften wie zum Beispiel Hesekiel. Es gibt, wie gesagt, mehrere Propheten für die Juden, doch nach dem Schluss von dem Fünften Buch Moses gibt es keine anderen Propheten. Mohamed oder Jesus sind für uns keine Propheten sondern Gelehrte, weise Männer.
 

Kannst du Jiddisch?

Ich kann leider nicht jiddisch sprechen, aber mein Opa kann das. Er hat früher mit seinen Freunden so gesprochen, aber ich kann es leider nicht. Es gibt ein paar Ausdrücke, die ich benutze, die jiddisch sind. Die benutzen wir auch zu Hause, aber fließend Jiddisch kann ich nicht. Es gibt mehrere Untersprachen im Jiddischen. Jiddisch kommt aus Europa und ist eine Mischung zwischen Hebräisch, Deutsch, Russisch und Polnisch. Es kommt drauf an, wo man früher gewohnt hat. Heute wird kein Jiddisch mehr gesprochen.
 

Wird man jüdisch durch die Taufe?

Bei uns gibt es so etwas nicht. Wenn du als Jude geboren wurdest und deine Mutter Jüdin ist, dann bist du automatisch Jude. Dann gibt es nicht so etwas wie eine Zeremonie, dass du erst aufgenommen werden musst. Also kommst du als Jude auf die Welt und dann bist du es halt.
 

Was heißt "Hallo" auf hebräisch?

Also auf Hebräisch meinst du: Schalom. Schalom heißt Hallo, Tschüss und Frieden.
 

Kann man Jude werden? Kann ein Jude, der zu einem anderen Glauben übergetreten war, zurückkehren?

Man kann übertreten, aber das dauert lange, man muss sehr viel lernen, und dann muss man sehr viele Gesetze beachten. Danach ist man Jude, als wäre man als Jude geboren worden.

Auch wenn ein Jude getauft wird und ein Christ sein will, er wird von uns immer als Jude angesehen, er wird niemals als Christ angesehen werden.
 

Jungen werden im Judentum beschnitten – und Mädchen?

Die Mädchen haben ungefähr zur gleichen Zeit eine Namensgebung. Sie haben ein Fest, an dem der Name des Mädchens verkündet wird.
 

Tragen Juden religiöse Namen aus der Thora?

Ja, entweder dein Erstname ist ein religiöser Name oder du bekommst einen Zweitnamen, der religiös ist. Als Mann brauchst du den Namen, wenn du aufgerufen wirst, aus der Thora zu lesen. Und bei deinem Tod brauchst du auch einen religiösen Namen. Also hat jeder einen religiösen Namen.
 

Gibt es spezielle Kirchen für Juden?

Ja, es gibt die Synagoge. Das ist das Gotteshaus, in das man zum Beten geht.
 

Auch in Frankfurt?

In Frankfurt gibt's vielleicht drei, vier, fünf... Ganz ehrlich, ich weiß es nicht genau. Ich kenne drei, es kann sein, dass es noch mehrere gibt, die sind vielleicht ein bisschen kleiner.
 

An welchen Feiertagen gehen die Meisten in die Synagoge?

Die sind ungefähr im September/Oktober. Es sind zwei bis drei Feiertage, an denen ich in die Synagoge gehe. "Jom Kippur", das ist ein Fastentag, da gehe ich in die Synagoge. "Rosch Haschana", das ist unser Neujahr, da gehe ich auch in die Synagoge. Ansonsten noch zu "Chanukkah" oder "Purim". Eben die Feste, an denen viel los ist in der Synagoge.
 

Wie lange dauert ein Gottesdienst?

Es kommt auf den Feiertag an, wie lang die Feier dauert. Meistens mindestens 1½ Stunden, oft mal sehr viel länger.
 

Haben Juden so etwas wie einen Papst oder Imam?

Die Rabbiner sind die Gelehrten, die sich mit der Schrift auskennen. Zu denen kann man mit Fragen gehen, aber sie stehen nicht über den andern Menschen wie der Papst. Er ist ein sehr intelligenter Mensch, deswegen muss man ihm Respekt entgegenbringen. Er steht aber nicht über normalen Menschen.
 

Gibt es immer noch harte Strafen wie zum Beispiel Steinigung?

Das gibt’s heute nicht mehr. Das wurde vor hunderten von Jahren vielleicht mal gemacht, aber das gibt es schon lange nicht mehr.

 


Forum zu dieser Seite

  • Credens schrieb am 9.2.2009 um 15:41:36:
    Im Unterschied von Islam und Christentum geht es im Judentum um die Gegenwart. Von der
    Zukunft erwartet man nur eine erneuerte Gegenwart auf der Erde. Die ganz dominierende Gestalt ist der Prophet Moses, der Gott im brennenden Dornbusch begegnet ist. Moses übermittelte die 10-Gebote. Sie prägen die Gottesbeziehung und die Ethik der jüdischen Gesellschaft. Die Juden sollen sich kein umfassendes, abschließendes Bild von Gott machen.
    Sie sollen nicht mehreren Göttern anhängen.

    Aus diesem Grunde durften sie sich nicht mit Gedanken an einen Gott der Unterwelt abgeben.
    An den glaubten die Sumerer und Ägypter. So entwickelten sich die Vorstellungen von Hölle,
    Fegefeuer, Reinkarnation außerhalb des Judentums. Vergangenheitsvorstellung ( Paradies und
    Essen eines verbotenen Apfels) und Zukunftsvorstellung sind relativ blass und unscharf. Solange es einen Tempel gab, kam man mit dem Gott der Juden durch ein Tempelopfer wieder in Ordnung.

    Nach der Zerstreuung in alle Länder grenzten sich die Juden religiös von ihrer Umwelt aus, nahmen umso mehr Anteil an allen säkularen Forschungen. Sie sahen sich selbst als Lieblingskinder des Schöpfergottes an ( Auserwähltheit). Der beruhte auf der Sage vom triumphalen Auszug aus Ägypten. Bei der Gelegenheit soll Gott für sie Partei ergriffen haben.
    Die Datierung des Auszugs und die genauen Umstände sind aber umstritten. Eine Eroberung
    Jerichos zur Zeit Ramses II. fand nach Ausgrabungen heutiger, jüdischer Archäologen nicht statt. Möglicher Weise ereigneten sich die ersten neun ägyptischen Plagen nicht zur Zeit des
    Auszugs unter Mose, sondern ein, zwei Jahrhunderte vorher.

    Da sich die jüdische Religion so sehr mit der Gegenwart befaßt, überlassen die Mehrheit der
    Juden in Israel die Aussagen über die Religion( hauptsächlich Gesetze und Regeln) ihren Orthodoxen. So erklärt sich der schizophrene Umstand, dass die Juden einen Kalender mit etwa 6 Jahrtausenden seit Schöpfungsbeginn haben, andererseits aber Spitze in der Naturwissenschaft sind. Die nimmt 13 Milliarden Jahre seit dem Urknall an.

    Den Tochterreligionen Christentum und Islam vererbten die Juden die Auserwähltheitsvorstellung. Erst seit dem 18. Jahrhundert beginnen die Christen, tolerant zu werden. 

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