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Das Ehepaar Stein bei uns zu BesuchAm Dienstag, dem 11. Juli 2006, bewegten Ludwig und Anita Stein die Schüler der 9. Klassen mit nachdenklichen Erinnerungen an ihre Flucht aus Deutschland.Aufgrund der Verfolgungen durch das Nazi-Regime mussten Frau Stein im Alter von 8 Jahren und Herr Stein mit 14 Jahren ihre Heimat verlassen. Wie in vielen anderen jüdischen Familien waren auch ihre Eltern gezwungen, ihre Kinder im Ausland in Sicherheit zu bringen. Sie emigrierten nach Amerika, wo sie sich später kennenlernten. Heute leben sie in der Nähe von New York. Uns erwiesen sie die Ehre, an ihren Erinnerungen Teil zu haben. Ihre Geschichte bewegte uns und stimmte viele Schüler nachdenklich. Was die Steins uns erzählten, und welche Fragen wir ihnen stellten, könnt ihr auf dieser Seite bald hören und nachlesen.
Zeitungsartikel: Zeitzeugen berichten über ihre Emigration aus Nazideutschlandvon Henny LudwigGeschichtsunterricht ist interessant, wenn Ereignisse und ihre Entwicklung dazu durch Filme oder Berichte von Menschen vermittelt wird, die das Geschehen selbst erlebt haben. Die Stadt Frankfurt lädt jedes Jahr ehemalige Frankfurter ein, die ihre Heimat in der NS-Zeit wegen ihrer jüdischen Abstammung verlassen mussten. Diese Zeitzeugen sprechen in Schulen über ihr Leben. Das ist für sie oft sehr schmerzlich, aber sie spüren, dass die jungen Menschen sich für ihr Schicksal interessieren. In die Gesamtschule am Gluckenstein waren Ludwig und Anita Stein gekommen und erzählten den Schülern der neunten Klassen über ihr Leben. Die Jugendlichen hatten nach dem Lehrplan noch nicht die Zeit des Nationalsozialismus durchgenommen, hörten aber aufmerksam zu. Ludwig Stein wurde 1924 in Eschwege als Sohn eines Kaufmanns mit "treudeutscher" Gesinnung geboren. Er spielte Fußball, war ein Fan von "Schalke 04" und interessierte sich für den Boxer Max Schmeling. Die Repressalien gegen Juden begannen langsam. Nach Hitlers Ideologie waren die Juden an der schlechten wirtschaftlichen Lage Deutschlands Schuld, und Schritt für Schritt verloren sie nach 1933 viele Rechte. So wurde Steins Vater 1936 der Führerschein entzogen und er durfte sein Geschäft nicht weiterführen. Ludwig Stein wurde nach Coburg ins Gymnasium geschickt, aber bald durften jüdische Kinder nicht mehr höhere Schulen besuchen. Er kam nach Frankfurt, um Reklamezeichner zu lernen. Ursprünglich wären viele jüdische Kinder gern in die Hitlerjugend gegangen, die mit ihrem Sport, Fahrten und Lagerfeuer eine große Anziehungskraft ausübte. An die Reichspogromnacht am 9. November erinnerte sich der Vortragende genau. Morgens um sechs Uhr holten zwei SS-Leute seinen Vermieter ab. Mit der Behauptung, Juden müssten vor der Bevölkerung in Schutzhaft genommen werden, weil in Paris ein Attentat eines Juden auf einen Botschaftsangehörigen verübt worden war, wurden überall in Deutschland jüdische Männer ab 14 Jahre aus ihren Wohnungen geholt, misshandelt und ins KZ gebracht. In seinem Elternhaus wurde dabei der Foxterrier totgeschlagen. Nach einem halben Jahr wurden die Festgenommenen entlassen, kahl geschoren, zerschunden, auch sein Onkel war dabei. Die Familie floh nach Holland und gelangte von dort nach Antwerpen, das voller Flüchtlinge aus Deutschland war. Die Ausreise nach Amerika war nur 4000 Deutschen jährlich möglich, für die Bürgschaften von Amerikanern nötig waren. Ein jüdisches Hilfskomitee versorgte die Flüchtlinge in Suppenküchen mit Nahrung und bezahlte Wohnungen. Ludwig Stein ging zur Schule. Flämisch beherrschte er nicht. Der Ordnungssinn der Nazis führte dazu, dass die Familie wieder deutsche Pässe erhielt mit dem Aufdruck "J" für Jude. Zu den Vornamen kam – wie damals vorgeschrieben – "Israel" oder "Sarah". Endlich im Januar 1940 erhielt die Familie das Visum für England und konnte von dort die Schiffsreise nach Amerika antreten. Sie waren völlig mittellos, ohne Sprachkenntnis und nahmen jede Arbeit an, die sie erhalten konnten. Dafür wurden sie von den amerikanischen Arbeitern gehasst. Aber mit den guten alten Tugenden, wie Fleiß, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit hätten es die meisten jüdischen Emigranten doch zu etwas gebracht. Auch er habe als Ingenieur ein volles gutes Berufsleben gehabt und lebe heute in der Nähe von New York. Stolz erwähnte Ludwig Stein, dass er 14 Jahre seines Berufslebens an der Restaurierung der New Yorker Brooklyn Bridge gearbeitet habe. Der Erbauer John Roebling war ein Deutscher. Ludwig Stein ging noch einmal auf seine Anfangszeit in Amerika zurück und berichtete, dass seine Integration durch seine Soldatenzeit gelungen sei. In New York hatte er mit der Familie in einem deutsch-jüdischen Stadtteil gelebt und erst in der Armee habe er Amerikaner kennen gelernt. Als er 22 Jahre alt war, lernte er seine Frau Anita kennen. Anita Stein erzählte, dass sie nach dem Tod der Mutter 1937 nach England gekommen sei in eine Familie, die sie gehasst habe, weil sie Deutsche war. Als achtjähriges Kind habe sie nichts von Politik gewusst, sie habe sich nur unendlich einsam gefühlt, denn sie habe ihre Mutter vermisst. Niemand habe ihr einmal übers Haar gestrichen. Später sei ihr Vater auch nach England gekommen. In der Diskussion fragten die Schüler die Eheleute, ob sie jüdische Feste feiern, wie sie in Amerika als Juden behandelt werden und wie Ludwig Stein sich fühlte, als er wieder nach Deutschland kam. Der fast Zweiundachtzigjährige antwortete ausführlich und konnte damit das Bild der Jugendlichen von der amerikanischen Gesellschaft klären. An der Ostküste Amerikas, wo in dem Einwanderungsland alle Nationalitäten lebten, werde man schon gefragt, aus welchem Land man stamme oder ob man Jude sei. Antisemitismus gebe es nicht, natürlich Abneigung gegen jemand, den man nicht möge. Überall müssten sich Menschen bewähren, meinte er. Er habe gewusst, was mit Familienangehörigen geschehen sei, die nicht emigrieren konnten, habe aber nie Rache gegen Deutsche genommen. Ludwig Stein äußerte sich bemerkenswert offen, wenn er erklärte, die deutsche Regierung habe für das durch die Nazis begangene Unrecht an die Juden Entschädigungszahlungen geleistet. Das habe den Kindern der Emigranten materiell durchaus geholfen, wenn die Eltern Rentenzahlungen erhielten. "Aus manchem kleinen Dackel wurde eben ein großer deutscher Schäferhund", meinte er dazu. Als er 1966 mit seinen Kindern seine Heimatstadt Eschwege besuchte, hatten sie kein großes Interesse, die Enkel interessiere die Herkunft und die Erlebnisse ihrer Großeltern überhaupt nicht. Wie Ludwig Stein die Gefahr zunehmender extremer Ausländerfeindlichkeit und des Rassismus beurteile, wollte ein Mädchen wissen. Ludwig Stein führte aus, dass Hitler nur an die Macht gekommen sei, weil die wirtschaftliche Lage bei sieben Millionen Arbeitslosen katastrophal gewesen sei, allerdings wie die gesamte Weltwirtschaftslage damals. Hitler habe Arbeit versprochen und es mit dem Bau der Autobahnen auch gehalten. Den Arbeitern vermittelte er mit "Kraft durch Freude" Ferien und versprach allen einen Volkswagen und so seien ihm immer mehr Menschen gefolgt. Alles, was Hitler gemacht habe, seien Kriegsvorbereitungen gewesen. Auch damals habe es nicht mit Deportationen der Juden begonnen, sondern mit ihrer Ausgrenzung auf allen Gebieten. Ludwig Stein bemerkte mahnend dazu: "Alles, was schlecht ist, fängt ganz unmerklich an, es ist gefährlich und man muss achtsam sein, denn alles kommt wieder auf einen selbst zurück." Die letzte Frage, ob er mit seiner Frau wieder nach Deutschland ziehen wolle, verneinten beide. Anita Stein berichtete lächelnd, zwar äßen sie beide immer noch Würstchen und Kartoffelsalat gern und sie möge Apfelsaft, den es in Amerika nicht gebe. Ludwig Stein äußerte, der tierische Ernst in Europa gefalle ihm nicht. Das habe nichts mit dem Holocaust zu tun. Abschließend empfahl er den Jugendlichen, durch Schüleraustausch "die Welt kennen zu lernen". Nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer Jürgen Schmitt, Katja Hammes und Ruth Hirschberg waren sehr beeindruckt von diesem ausführlichem und vor allem ehrlichen Bericht der Zeugen einer furchtbaren Zeit in der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts.
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